Die Erde ist eine Spiegelung des Himmels
Dass zeitgenössische Künstler ihre Tätigkeit nicht mehr ausschließlich im traditionellen Werksinn definieren, ist ein mittlerweile bekannter Sachverhalt. Der Ausdruck „Werk“ hatte sich ausgehend von seinem bescheidenen und handwerklichen Sinn etwa der mittelalterlichen Bauhütten bis ins 19. Jh. emphatisch aufgeladen. Das „Werk“ war zunehmend Ausdruck genialen Schöpfertums und mithin etwas, das seinen Ursprung auf überpersönliche Instanzen zurückführte. Die Betrachtung des „Werks“ prätendierte Verehrung und das schien nun im 20. Jh. zunehmend übertrieben. Statt vom „Werk“ sprach man in der bildenden Kunst der Moderne seit den zwanziger Jahren daher lieber von Arbeit. Die Arbeit als Lebensvollzug – sinnfällig gemacht durch den bekannten Aufsatz von Tretjakov . Der sprach von der Arbeit des Schriftstellers als verantwortlichem Dasein, oder bei Caesare Pavese, der vom „Handwerk des Lebens“, oder bei Camus, der vom Versuch spricht „objektiv“ zu leben.
Die „Arbeit“ als Einzelstück war dabei die unprätensiöse Bezeichnung eines physikalischen Produkts mit handwerklichem Wert und daher auch Marktwert geworden. Diesem Begriff der künstlerischen „Arbeit“ den man gewissermaßen der Moderne und damit den Demokratisierungsprozessen der sozialistischen und antisozialistischen Bewegungen zurechnen kann ist nun mittlerweile auch wieder in der Schwebe, und zwar zum einen durch die Erfahrung einer völlig Trennung von handwerklichem und markttechnischem „Wert“ und zum anderen – wohl damit zusammenhängend - durch die in Frankreich und USA intellektuell erfolgreiche Postmoderne, die auch den Künstler anders definiert, man könnte sagen, im Sinne einer Rolle im Rahmen einer Korrespondenztätigkeit, zwischen Marktmechanismen, Politik, Kulturdiskurs, Vermittlertätigkeit und Lebenstätigkeit. Der Künstler ist gewissermaßen kein Heros mehr sondern eine Art Zuträger im Betrieb, ein Animatuer und Ideengeber. - Sehr wichtig dabei ist, dass heute auch der Begriff des Schöpferischen nicht mehr notwendig mit dem Begriff des Künstlers zusammengebracht wird. Wir alle sind schöpferisch oder haben es zu sein vom Unternehmer bis zum softwareentwickler und sollten irgendwelche kreativen Potentiale brachliegen werden sie in Freizeitkursen gepäppelt.
Marc Augé, der vor einer Woche in Berlin einen Vortrag über die postmoderne Situation des Künstlers hielt , merkte dazu an, dass dabei die heute prominenten Künstler eines global instrumentierten ästhetischen Diskurses nicht ohne Grund die Architekten seien. Maler, Bildhauer, die vielen Formen des Happenings und des situation-design wie sonstiger Zwischenformen, müsse man sozusagen als sekundär und als Zuträger und vielleicht als Popularisateure der „Situation postmoderne“ einordnen.
Die Überlegung eines auf Architektur sich zuspitzenden Kunstdiskurses legt nun natürlich allerlei Überlegungen nahe, zum einen etwa die stärkere Betonung von Kunstwerken, die im Zusammenhang mit Architektur auftreten, wozu von Christo bis zur Nürnberger Verhüllung des Schönen Brunnens so manches zu zählen währe, zum anderen aber – und dies ist in der Malerei gelegentlich spürbar, Versuche einer neuen Definition von künstlerischer Arbeit, etwa als Meditation. Solche Versuche sind zur Zeit auffällig. Auch Gertraud Maria Schmidtbauer gehört dorthin, denn was sie tut, kommt im Grunde einer Meditation näher als einer „Arbeit“, anders ausgedrückt, die künstlerische Arbeit Gertraud Schmidbauers ist gewissermaßen vorgeführte Meditation, und zwar eine über die Jahre gehende Meditation zu dem Satz „die Erde ist eine Spiegelung des Himmels“. Die Künstlerin tut offenbar nichts anderes als Himmel und Erde zu malen in Hunderten von Varianten, in Hunderten von Größen. Sie nennt ihre Arbeiten „Landschaften“ was einen weiten Bogen schlägt. Die Bezeichnung „Landschaft“ hatte ursprünglich den Sinn des Prospekts, also einer gezeigten Gegend, mochte diese klein der groß, verfremdet oder realistisch sein, auch Phantasielandschaften oder philosophische, historische symbolische Landschaften hätte man darunter gezählt. Hier jedoch ist nun das alles nicht der Fall, würde zumindest nicht besonders befriedigen, denn Gertraud Schmidbauer stellt in diesem prospektiven Sinne gar keine „Landschaften“ her, was sie herstellt - sind Varianten einer Meditation von Landschaft. Wie gesagt, die Erde ist eine Spiegelung des Himmels.
Himmel und Erde, Himmel und Wasser. Wir fühlen uns gelegentlich an Richters schwarz weiß Arbeit „Meer-Meer“ erinnert und fragen uns, ob man diese Arbeiten auch auf den Kopf gestellt betrachten könnte, was aber nicht geht. Die zugegeben gekonnte Wolkendarstellung, die Lichtführung vom Dunkel ins Helle des Horizontes, die Stimmungsvaleurs von düsterem Himmel, in den das Licht bricht bis zum hellen Himmel, der dennoch fahl und totenbleich wirkt, schließlich die Dünungen des Meeres, da ist eine durchaus zuzugebende Meisterschaft im Detail, aber ansonsten herrscht auf diesen sogenannten Bildern doch eigentlich nur Leere, das Nichts. Es ist kein Akzent zu sehen, nichts gemeintes, nichts „Dargestelltes“ eben außer Himmel und Erde – aber was ist Himmel und Erde? Und an genau diesem Punkt denke ich kann man den ästhetischen Anspruch finden, das worauf das Ganze hinaussoll, eine ästhetische Korrespondenz zu Anderem, etwas das sich zuletzt eben doch auf den Betrachter überträgt:
In der hinduistischen Kosmologie, schwimmen die vier Erdteile auf dem Urmeer des Kosmos. In ihrer Mitte, sozusagen dort, wo sie zusammenhängen, wächst der Lotos. Sein Stängel ist die Weltachse seine Blätter bilden die schwimmende Unterlage der Kontinente. Seine Blüte ist der Himmel. Der Lotos als Weltmittelpunkt und Verbindung von Wasser, Erde und Himmel war für die hinduistische Mythologie so beherrschend, dass selbst Buddha noch mit ihm direkt identifiziert wird.
In der germanisch nordischen Mythologie ist Himmel und Erde durch Ygdrasil verbunden, die Weltesche. Sie trägt den Himmel, zwischen ihren Wurzeln wohnen die Menschen, die Riesen und die Zwerge unter ihren Wurzeln quillt der Brunnen, aus dem Odin oder auch Wodan Weisheit schöpft, aus ihm steigen die Nornen. Genauso wie die Inder – (die übrigens auch eine Baumversion ihres Mythos kennen), den Lotos heilig halten, stellten unsere Vorfahren Baum- und Steinsäulen auf und hielten diese als Versinnbildlichung der Himmelsträgerschaft heilig.
Dass der Himmel von irgend etwas getragen werden muss scheint ein durchgängiger konstruktiver Zug zahlreicher Kulturen zu sein, wir kennen Atlas, der das Himmelgewölbe trägt, eine sehr folgenreiche Version war Platos Konstrukt einer Kugelform des Weltalls, die er als Ineinander von kristallenen Schalen vorstellte, eine Überlegung, an die übrigens Plotin anschloss, der das Helle Geistige der Welt nach außen und das Dunkle Kalte und Materielle der Welt nach Innen – gewissermaßen ins Erdinnere legte. Durch die Vermittlung über Augustinus und Dante kamen unsere Vorstellungen einer Hölle und eines Himmels zustande, die Hölle gewissermaßen als innerster bösester Kern der Erde und Gott und die Seinen als bester und hellster Teil des Himmels. Die Welt selbst ist im Christentum ein Schauplatz des Kampfes zwischen Himmel und Erde.
Und wie ganz anders trägt sich das zu in der schon vierhundert Jahre vor Christi Geburt angedeuteten Erklärung des Buddhismus! Der Buddhismus hatte, sozusagen in Beruhigung des ewig sich verzehrenden Bildes vom Enstehen und Vergehen was Erde und Himmel betraf ein ganz anderes kosmologisches Bild entwickelt, ein Bild der Harmonie, der nicht nur gewünschten, sondern der bestehenden Harmonie, von der es nur durch Erkenntnismangel Abweichungen und Verharren im leidvollen Jetzt gibt. Dieses Modell einer prinzipiellen Harmonie und der Definition des Leidens als Zustand minderer Erkenntnis, kam mit dem Upanishadenkenner Schopenhauer, in die Salons des intellektuellen Deutschland und führte zunächst nur unter Künstlern und Intellektuellen, heute aber durchaus schon in breiteren Kreisen zu einer Auffassung der zumindest möglichen Harmonie im Zusammenspiel von Kräften, die einstmals als Böse oder gut definiert wurden, einer Auffassung, die
„Beseelt vom Gedanken einer „Harmonie zwischen Mensch und Natur, Erde und Universum“ würde Gertraud Schmidtbauer arbeiten, heißt es auf der Einladungskarte, und dass die Harmonie, die zwischen Himmel und Erde besteht, auch „spürbar und lebbar“ sei.... Nun - dies ist im Grunde eine buddhistische Formel, aus der sich ergäbe, dass wir geeignete Formen eines Weges zu dieser Lebensform der Harmonie finden müssten. Der Zen hat diesen Gedanken praktisch gemacht und seine Wege sind, wie wir wissen, sehr verschieden. Sollten Sie sich eine der hier ausgestellten Meditationsspuren kaufen, oder sollten Sie es überhaupt für möglich halten, dass mit Hilfe des Pinsels nicht nur chinesische Schriftzeichen Ausdruck einer nahezu buddhistischen Welthaltung sein könnten, sollten Sie eine Verbindung zwischen dem Gedanken eines Meditationsweges und einer zutiefst europäischen Kunst – nämlich der Landschaftsmalerei – spüren, dann verstehen Sie, worauf es Gertraud Schmidtbauer ankommt. Nicht auf das einzelne Bild, nicht auf ein „Werk“, nicht auf die Landschaft, die Himmel und Erde zeigt, sondern auf die Korrespondenz zu einer Erfahrung, die nicht einfach Bilderfahrung ist.
Wer sehnt sich nicht nach Harmonie! – Mir fällt da ironischerweise immer das alte Lied von Bert Brecht ein, in dem es heißt, ja natürlich währ’ ich lieber gut, doch die Verhältnisse sie sind nicht so.... Bert Brecht schrieb das auf der Folie einer christlichen Moral, die ja auch eine sozialistische war, die Moral der menschlichen Solidarität, von der man sich in den Kulturen des Abendlandes ständig Ausnahmen erlaubt, weil die Verhältnisse nicht so sind, oder die man meint erst herstellen zu müssen nach dem Motto, wir müssen überall Demokratie einrichten, denn erst können wir alle in Frieden und Harmonie leben. – Das ist die Vorstellung vom Kosmos als einem Weltenbau, den wir in Ordnung bringen müssen indem wir uns auf die Seite des Guten schlagen und gegen das Böse kämpfen. Tatsächlich aber ist vielleicht zwischen Himmel und Erde bereits die vollkommenste Harmonie und es gälte nur, sie zu entdecken und zu leben!
Die Leistung um die es dabei ginge, wäre eine Form der Meditation – einer Wendung des Blicks hin auf einen Zusammenhang, der frei ist von der Vorstellung eines Kampfes, weil, wie in diesem Fall behauptet, die Erde nicht etwas das Gegenteil sondern einfach bloß eine Spiegelung des Himmels ist.
Reinhard Knodt